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So wurde bald aus jeder Rasse eine isolierte Fortpflanzungsgemeinschaft, der so wichtige genetische Austausch innerhalb der Spezies "Haushund" aber weitgehend unterbunden. Dies war eine züchterische Revolution, der wir heute unsere zahlreichen Rassen und ihre Erhaltung zu verdanken haben, aber die sich nun auch in mancher Hinsicht als verhängnisvoll erweist.
Die Hundezucht hat sich ja gegenüber der Nutztierzucht völlig gegensätzlich entwickelt. Bei Rindern, Schweinen, Geflügel usw. begann es zunächst ebenso, die sogenannten Landschläge wurden zu Rassen hochstilisiert. Aber dann setzte eine gegenläufige Entwicklung ein: man erzeugte Hybriden, indem man zwei oder mehr Inzuchtlinien scharf auf Leistung (und nur auf diese) selektierte, wobei aber diese dennoch durch die Inzuchtdepression zurückging. Dann wurde zwischen diesen gekreuzt, und die Nachzucht erwies sich, weil ja in hohem Grade heterozygot, als besonders vital und leistungsfähig.
Diese Erscheinung wird "Luxurieren", englisch "hybrid vigour" genannt, sie ist aber nichts anderes als die normale, natürliche Vitalität nicht ingezüchteter Tiere. "Hybriden" haben sich heute daher besonders in der Schweine- und Geflügelzucht durchgesetzt. Die Ursache dafür ist, dass diese Kreuzungen ganz extrem heterozygot sind, d.h. dass an sehr vielen Genorten verschiedenartige Genpaare (Allele) vorhanden sind. Dadurch ist der Organismus dieser Tiere besonders gut befähigt, auf Umweltreize biologisch optimal zu reagieren, ob es sich um die Auswertung der Nahrung, die Widerstandsfähigkeit gegen Krankheitserreger, Hitze, Kälte, Leistung usw., kurz alle Anforderungen des Lebens handelt.
Bei den Hunden jedoch stand, anders als bei den Nutztieren für Milch, Fleisch, Eier usw., abgesehen von den Gebrauchshunderassen (und öfters auch nicht einmal bei diesen), nicht irgendeine Leistung, sondern eben das, was als Schönheitsideal betrachtet wird, also der Formwert bzw. der Standard im Vordergrund. Verständlich, denn einheitlich standardgemässe Hunde erzielt man am leichtesten durch Inzucht und Selektion auf Konformität mit dem Standard.
Nun wäre Inzucht u.U. länger durchzuhalten, wenn gleichzeitig scharf oder sogar ausschließlich auf Gesundheit und Vitalität selektiert wird, wie es da und dort bei Gebrauchshunden der Fall ist (ein Beispiel dafür ist der Alaskan Husky, der nur auf die Vitalitätsmerkmale Schnelligkeit und Ausdauer gezüchtet wird). Dennoch kommt man auch hier auf die Dauer ohne "frisches Blut" nicht aus, denn die Anhäufung schädlicher rezessiver Gene für quantitative Merkmale, die sich gegenseitig beeinflussen und steigern und so die Vitalität mindern bzw. erst im Zusammenwirken die meisten Erbkrankheiten (z.B. HD = Hüftgelenkdysplasie) hervorrufen, kann man so nicht verhindern.
Als daher vor einigen Jahren ein Wissenschaftler in Holland anregte, man solle doch nach dem Beispiel der Nutztierzucht auch beim Hund Kreuzungen durchführen, erntete er empörte Kommentare. Inzwischen aber sind die Rufe nach einer Trendwende in der Kynologie unüberhörbar geworden, wenn man auch die Rassen ganz gewiss nicht aufgeben kann und will. Man muss die Heterozygotie, soweit irgend möglich, züchterisch eben innerhalb der Rassen erreichen! Von den etwa dreißigtausend Genen des Haushundes beeinflussen wir bei der Zucht auf Formwert vielleicht dreißig.
Liegen diese durch intensive Selektion und Linienzucht homozygot vor, sehen die Zuchtprodukte einheitlich "rassetypisch" aus. Allerdings haben wir dabei auch unvermeidlich viele andere Gene, die damit nichts zu tun haben, auch in die homozygote Form gebracht, und darunter befinden sich nun viele schädigende Allele, sei es solche von Erbkrankheiten einfach rezessiver, vor allem aber polygener Natur (wie z.B. HD) oder auch "nur" solche, die die Vitalität, Fruchtbarkeit, das Wachstum, das Wesen, bei Gebrauchshunden die Leistung und Widerstandsfähigkeit usw. beeinträchtigen.
Wie wir wissen, ist aber für ganze Rassen die "Inzucht ohne Inzucht" (nach Prof. Schleger) praktisch noch verheerender, womit die Verwendung zu weniger Deckrüden gemeint ist. Die sogenannte "genetisch effektive Population" ist nämlich nie größer als viermal die Zahl der Rüden, auch wenn diese noch so viele Hündinnen decken (z.B. ein Rüde auf theoretisch unendlich viele Hündinnen - effektive Population ist nur ca. 4!). Da nun Inzucht und - wie die schwedischen Kynologen es nennen - die "Matadorzucht" (übermäßige Verwendung weniger Champions in einer Rasse) bei den meisten unserer Rassen seit langer Zeit ausgeübt wird, stieg der Inzuchtfaktor allmählich immer mehr an. Der notwendige Grad an Heterozygotie (erbliche Vielfalt) wird dadurch bereits vielfach unterschritten, Erbkrankeiten brachen - und brechen - aus. Was kann man dagegen tun?
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Nicht nur Symptome, die Ursachen bekämpfen!
Will man sich dem Trend, dass alle paar Jahre eine neue Erbkrankheit auftaucht oder eine bisher bedeutungslose problematisch zu werden beginnt, entgegenstellen, gilt es, verschiedene Maßnahmen zu ergreifen und zwar:
- Je nach Größe der Population einer Rasse die maximale Zahle der Würfe nach einem Rüden zu begrenzen, also die Anzahl der verwendeten Rüden zu maximieren, indem so viele Rüden wie möglich selektioniert und zur Zucht zugelassen werden.
- Nur solche Partner zu paaren, die ein Minimum an gemeinsamen Ahnen im Stammbaum (im Idealfall: gar keine!) aufweisen (in jeder Rasse gibt es ohnehin in mehr oder weniger weiter zurückliegenden Generationen gemeinsame Ahnen) und keine gröberen Nachteile aufweisen. Bei mehreren etwa gleichwertigen Möglichkeiten in bezug auf Blutsfremdheit erst wählt man den standardgemässeren Partner wie bisher gehandhabt.
- Import von Rüden oder deren Samen aus Gebieten, wo die Zucht sich bereits länger verselbständigt hat und damit blutsfremder geworden ist.
- Ist eine Rasse sehr selten geworden und ihre Erbgesundheit alarmierend bedroht, wird man sich in Zukunft weniger scheuen dürfen, eine nahverwandte Rasse einzukreuzen (derartiges ist z.B. mit Holländischen und Belgischen Schäferhunden versuchsweise geschehen, wobei die Nachzucht sofort an Vitalität, Fruchtbarkeit und auch z.B. im Pflegeverhalten der Hündin gewann).
- In bestimmten Fällen die Stammbücher wieder öffnen, d.h. z.B. stammbaumlose, aber im Exterieur entsprechende Tiere unter bestimmten Kriterien zu registrieren.
- Gegen verschiedene Erbkrankheiten gibt es heute bereits Gentests, so dass man viele direkt durch Ausschluss der Defektträger oder auch Paarung derselben mit defektgenfreien Hunden bekämpfen kann. Vielfach wird letzteres vorzuziehen sein, da manchmal schon die Hälfte oder noch mehr der Hunde einer Rasse Defektträger sind.
Die vordringlichsten Maßnahmen sind die unter 1,2 und 6 genannten. Wenn der Fall nicht durch zu starkes Auftreten von Erbkrankheiten bei einer Rasse mit sehr wenig Würfen schon kritisch ist, müsste es damit allein gelingen - natürlich unter gleichzeitiger strenger Selektion - , die Widerstandsfähigkeit und Vitalität der Zuchtprodukte einer Rasse zu normalisieren.
Bei - rechtzeitiger und konsequenter - Anwendung der geschilderten Maßnahmen, die gewiss ein großes Maß an Umdenken bedeuten, würden jedoch - außer in sehr kritischen Fällen - Erbgesundheitsprobleme wieder bedeutungslos werden! Jetzt allerdings sieht es so aus, dass nach einer französischer Erhebung 20 % aller Rassehunde erbliche Defekte aufweisen, eine alarmierende Situation!
Der Rassehund ist heute nicht nur durch die verschiedenen Erbkrankheiten bedroht, sondern auch durch die Inzuchtdepression, die die Widerstandskraft, Fruchtbarkeit, Lebensdauer, Leistungsfähigkeit usw. vermindert. Der Immungenkomplex MHC, der uns vor Tausenden verschiedenen Krankheitserregern schützen kann, wird nicht nur in seiner Funktion beeinträchtigt, sondern spielt auch in manchen Rassen zunehmend "verrückt", d.h. es treten verstärkt Autoimmunkrankheiten auf.
Im Artenschutz hat man heute Methoden entwickelt, um gefährdete Tierarten vor dem Aussterben durch genetische Verarmung zu schützen. Solche Methoden stünden nun auch der Hundezucht zur Verfügung. Man kann einerseits mit Computer berechnen, wie man die genetischen Anteile der ursprünglichen Stammtiere einer Rasse erhält, oder jene Tiere ermitteln, die mit der übrigen Population am wenigsten verwandt sind oder seltene genetische Kombinationen aufweisen. Solche Individuen haben, wenn sie auch anderweitig zuchttauglich sind, einen besonderen Wert für die Rasse. Auch durch DNA-Studien kann man wertvolle Hinweise erhalten
Zum Teil aus dem Buch "Das Buch vom Hund" von Hellmuth Wachtel
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